Predigten

Wie oft haben Sie schon beim Hören einer Predigt gedacht: "Das war ein guter Gedanke. Schade, dass ich nichts zum Schreiben dabei habe." Dem Wunsch, das gesprochene Wort zu Hause noch einmal in Ruhe nachlesen zu können, entsprechen wir auf dieser Homepage. Ausgewählte Predigten, die im Kirchenkreis Rotenburg gehalten wurden, werden auf diesen Seiten veröffentlicht.

Schauen Sie hinein, lassen Sie sich inspirieren und scheuen Sie sich nicht, zum Verfasser der Predigt Kontakt aufzunehmen, falls Sie noch Fragen oder Anregungen haben.

Natürlich sind Sie immer und jederzeit herzlich eingeladen, einen der vielen Gottesdesdienste in unserem Kirchenkreis persönlich zu besuchen. Ob Familiengottesdienste, musikalische Gottesdienste, Gottesdienste in anderer Form - die Möglichkeiten sind vielfältig, die Auswahl ist groß. Um Ihnen bei der Auswahl zu helfen, haben wir unter dem Menüpunkt "Veranstaltungen" einen Suchfilter eingebaut.

Datum
Titel
Name
So. 15.05.16
Pfingsten- Gottes Geist begeistert
Haike Gleede
Pfingsten- Gottes Geist begeistert

Kennen Sie die Sendung mit der Maus? Neulich sah ich eine Umfrage zum Thema Pfingsten. Kinder befragten in einer Fußgängerzone die Passanten: Wissen Sie, warum wir Pfingsten feiern? Wissen Sie, was Pfingsten bedeutet. Das Ergebnis war erschreckend. große Ratlosigkeit. Kaum einer wusste, was Pfingsten bedeutet und warum wir es feiern. Untersuchungen haben ergeben, dass nur knapp die Hälfte aller Deutschen wissen, was an Pfingsten gefeiert wird.

Woran liegt das? Am schönen Wetter, das  die Menschen davon abhält einen Gottesdienst zu besuchen? Oder daran, dass es zu Pfingsten kaum eine Tradition gibt? Oder ist der Heilige Geist einfach so schwer zu greifen, dass wir mit ihm nichts anfangen können?

Weihnachten schmücken wir den Tannenbaum, bereiten ein festliches Essen vor. Kerzen und weihnachtlicher Schmuck zieren das Haus. Wir feiern die Geburt Jesu – darunter können wir uns etwas vorstellen.

Ostern färben wir Ostereier und verstecken sie im Garten. Auch das Osterfeuer stimmt uns auf das Fest ein. Jesus ist auferstanden, nachdem er am Kreuz gestorben ist. Der Tod gehört zu unserem Leben und wir wissen, was es bedeutet Abschied zu nehmen. Aber wir glauben an das ewige Leben bei Gott. Das ist unsere Hoffnung und unser Trost . Auch das ist nachvollziehbar.

Aber Pfingsten – was verbinden wir damit? Welche Traditionen pflegen wir?

Wir kennen das Pfingstbaumpflanzen.

Die Pfingstbäume sind frisch geschlagene junge Birken, die vor Haustüren befestigt werden. Dies geschieht regional unterschiedlich.  Der Pfingstbaum geht auf die Germanen zurück, die im Frühjahr junge Birken vor die Haustür gestellt haben sollen, um damit böse Geister zu vertreiben. In vergangener Zeit sollen junge unverheiratete Männer den Brauch des Pfingstbaumpflanzens gepflegt haben, um sich den ebenfalls noch unverheirateten Jungfrauen vorzustellen. Dazu gingen sie von Haus zu Haus und platzierten vor den Türen von Familien mit ledigen Töchtern eine junge Birke. Aber was hat das mit Pfingsten zu tun?

 

Auch Bräuche wie der Pfingstochse, das Pfingstfeuer oder Pfingstwasser aus einem Bach zu holen – sind uns doch eher fremd und sind meist heidnischen Ursprungs.

Aber was hat es denn nun wirklich mit diesem Fest auf sich?

Darüber erfahren wir etwas in der Apostelgeschichte. 40 Tage nach Ostern war Jesus in den Himmel aufgefahren. Er versprach seinen Jüngern, dass sie die Kraft des Heiligen Geistes empfangen würden. Bis dahin blieben die Jünger und Jüngerinnen einmütig zusammen. Sie versammelten sich im Obergemach eines Hauses.

Sie warten darauf, dass bald etwas Bewegendes geschieht.

Ihre Geduld und ihr Vertrauen wurden nicht enttäuscht. Nach 10 Tagen, also 50 Tage nach Ostern geschah es: Apg 2

„Plötzlich gab es ein mächtiges Rauschen, wie wenn ein Sturm vom Himmel herabweht. Das Rauschen erfüllte das ganze Haus, in dem sie waren. Dann sahen sie etwas wie Feuer, das sich zerteilte, und auf jeden ließ sich eine Flammenzunge nieder.

Alle wurden vom Geist Gottes erfüllt und begannen in anderen Sprachen zu reden, jeder und jede, wie es ihnen der Geist Gottes eingab.“

50 Tage nach Ostern wird bis heute Pfingsten gefeiert. Die Griechische Bezeichnung pentekosté– bedeutet der 50. (Tag). Es ist der feierliche Abschluss des Osterfestes und der Geburtstag der Kirche. Der erste christliche Gottesdienst wurde an diesem Tag unter freiem Himmel gefeiert und begeisterte tausende Menschen unterschiedlichster Herkunft. 3000 Menschen ließen sich taufen und bekannten sich damit zu Jesus Christus. Seine Botschaft geht von da an um die Welt.

Es ist nicht einfach zu beschreiben, was damals geschah und wie der Geist wirkte.

Die Bibel berichtet von einem gewaltigen Sturm.

Der Wind ist ein Bild für den belebenden Geist und ein kraftvolles Symbol für die Veränderung.

Von Feuerzungen ist die Rede. Das Feuer steht für Reinigung und Erneuerung, und symbolisiert Leidenschaft und göttliche Kraft. Der Geist Gottes bricht gewaltig und unübersehbar auf sie herein. Kraftvoll und beinahe beängstigend. Aber die Jünger fürchten sich nicht, denn sie waren ja vorbereitet. Darum laufen sie nicht in blinder Panik aus dem Haus, sondern gingen ganz gezielt nach draußen. Alle Zweifel werden verweht, alle Ängste ausgelöscht und ihnen ist auf einmal klar, was zu tun ist. Eine ungeheure Energie erfüllt sie und sie wissen, das kann nur Gott sein. Offenbarte er sich nicht schon Mose im brennenden Dornbusch?

Was sie zuvor niemals gewagt hätten, das tun sie jetzt: Sie gehen auf die Straße und predigen den Menschen vom Reich Gottes und von seiner brennenden Liebe. Sie erzählen von ihren Erfahrungen mit Jesus und von seinen Verheißungen. Der Funke springt über. Die Menschen, die eigentlich zum Laubhüttenfest nach Jerusalem gekommen sind, werden hellhörig. Ein paar Skeptiker spotten noch: Die sind wohl betrunken. Aber auch die verstummen bald. Denn auch sie hören die Apostel in verschiedenen Sprachen predigen.

Jeder, der mal versucht hat, eine Fremdsprache zu erlernen, weiß wie mühsam das ist. Wenn wir im Urlaub ins Ausland fahren, sind wir froh, wenn es Menschen gibt, die unsere Sprache sprechen. Schnell merken wir, welch eine Barriere das ist, wenn man sich nicht verständigen kann.

Aber es gibt eine Sprache, die alle Menschen auf der ganzen Welt verstehen können: Ein Lächeln, eine freundliche Geste, die Hand, die ein Glas Wasser reicht oder ein Stück Brot – das sind klare Zeichen. Das haben wir erlebt, als die Flüchtlinge in unser Land strömten. Viele Menschen haben sich eingesetzt, haben ihnen geholfen und so das Überleben der Fremden gesichert. Sicher gab und gibt es auch Kritiker und solche die spotten. Hoffen wir, dass auch die bald verstummen. Der nächste Schritt wird sein, den diese Fremden zu Nachbarn werden zu lassen, sie in unsere Gesellschaft zu integrieren und ihnen eine Perspektive zu geben.

Die Pfingstgeschichte erzählt davon, wie Menschen durch den Heiligen Geist eine Sprache finden. Jeder hört seine vertraute Muttersprache. Alle fühlten sich angesprochen.

Gott richtet sein Friedensreich auf unter den Menschen.

Der Heilige Geist kann nur da einkehren, wo man ihn einlässt und wo man auf ihn vorbereitet ist. Ich glaube, dass viele Menschen nicht die Geduld haben, auf ihn zu warten. Viele andere Geister dringen in unser Leben ein.

Jesus wurde oft gerufen, um Geister auszutreiben. Auch in unserer Zeit werden immer noch viele Menschen von unguten Geistern beherrscht. Ich denke da an den Geist der Habgier und des Neides, an den Geist der Machtbesessenheit und des Egoismus, und sicher auch den Geist der Angst und der Missgunst.

Der Heilige Geist sucht offene Menschen, die mutig sind, sein Werk zu vollenden. Menschen, die sich leiten lassen von Liebe und Vertrauen, von Sanftmut und Gerechtigkeit. Nur so können die Ketten der Angst gesprengt werden und die Hürden des Nichtverstehens überwunden werden.

Der Heilige Geist lehrt uns die Sprache der Liebe, die auch ohne Worte versteht.

Er ist der Wind, der uns antreibt und das Feuer, das in uns brennt.

Wenn wir uns von ihm ergreifen und erfüllen lassen, sind wir dem Reich Gottes schon ein Stück nähergekommen.

Lothar Zenetti hat ein Gedicht geschrieben über Pfingsten, ein Pfingstlied:

Ich möchte mich ihm anschließen und den Heiligen Geist bitten:


Komme, geheimnisvoller Atem,

leise zärtlicher Wind,

hauche uns an, damit wir leben,

ohne dich sind wir tot!

 

Komme, in Feuer und Flammen,

zünd uns an wie ein Licht,

mache uns trunken von der Liebe,

wir sind starr, tau uns auf!

Komme, Erfinder neuer Sprachen,

gieß dich aus über uns,

rede in uns mit neuen Zungen,

komm, begeistere uns!

 

Komme, du Hoffnung aller Armen,

schaffe den Wehrlosen recht,

dass die gebeugten sich erheben,

dass sich die Völker befrein!

 

Komme, du Tröster aller Müden,

Stille mitten im Lärm,

schaff uns Pausen,

lass uns ausruhn in dir!

 

Komme, du Taube übers Wasser,

bring den Ölzweig herbei,

bring uns das Zeichen für den Frieden,

den die Erde ersehnt!

 

Komme, vom Vater und vom Sohne,

komme du schaffende Kraft,

Mache uns neu, und unsere Erde hat ein neues Gesicht!

Amen.

 

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Haike Gleede

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Mo. 16.11.15
Gott stirbt mit den Sterbenden. Gott weint…
Ina Jäckel
Gott stirbt mit den Sterbenden. Gott weint mit den Weinenden.

Gott stirbt mit den Sterbenden. Gott weint mit den Weinenden.

 

  1. Paris

Freitagabend, kurz vor Mitternacht.

Gegen Ende des Fußballspiels rang der Kommentator nach Worten:

„Keiner hier von uns hat jetzt noch groß Lust,

das Spiel hier zu kommentieren,

da es gegen das, was da draußen passiert ist, so nebensächlich ist.“

Das Fußballspiel lief nur weiter, um eine Massenpanik zu verhindern.
Zeitgleich außerhalb des Stadions:

Grollende Detonationen – zeitgleich an mehreren Orten.

Schüsse und Schreie.

 

Ich sitze auf dem Sofa und kann meinen Blick nicht von den Bildern im Fernsehen abwenden.

Mir fällt nichts ein, was ich sagen könnte.

Mein Mann sitzt stumm neben mir.

Uns beiden fehlen die Worte.

Die Bilder, die über den Bildschirm huschen, brauchen keine Worte.

Verwackelte Handykamerabilder: Verletzte Menschen, panische Gesichter,

ein einzelner Schuh, der auf dem Bürgersteig steht, verloren, wie das Leben des Menschen, der diesen Schuh einmal getragen hat.

 

Einen Tag später, gestern: Neue Bilder im Fernsehen und im Internet.

Paris im Ausnahmezustand.

Schulen, Universitäten, Museen, Bibliotheken, Schwimmbäder und viele andere öffentliche Einrichtungen bleiben geschlossen.

Bis Mittag steht die Stadt still, kaum ein Auto fährt.
Ich bin gerührt über die Solidarität,

die die Franzosen aus aller Welt erfahren.

Beileidsbekundungen aus allen Ecken der Welt,

erste Reden von Politikern, Worte der Kanzlerin.

Überall spürt man das Entsetzen: beim Bäcker, beim Köster, auf der Straße, im Fernsehen:

Deutschland trauert mit Frankreich.

 

2. Das hat Folgen!

Der Text, den wir gerade in der Lesung gehört haben, den kann ich kaum hören oder lesen ohne dabei an diese schrecklichen Terrorattentate zu denken.

Was du tust, das hat Folgen, sagt Jesus und malt seinen Zuhörern Bilder vor Augen:

So wird es sein, sagt Jesus, dann, wenn Gott Gericht über die Welt hält.

Ein Richterstuhl, hoch oben und Jesus sitzt dort – eingesetzt von Gott als Richter über alle Welt.
Vor ihm die versammelte Menschheit, alle Völker, alle Menschen, die leben und jemals gelebt haben.

Und sie werden Angst haben. Manche wohl zu Recht.
Alle wissen: der Tag ist da.

Und Jesus wird das Urteil über die Welt sprechen.
Aber Jesus tut nichts Großartiges.
Er gruppiert die Menschen etwas um.
Die einen sortiert er zur Rechten und die anderen zur Linken. Das war’s.
Eine Gruppe von Menschen links, eine andere rechts.

Arm und reich, alle Nationen und Religionen durcheinander.
Zu der Gruppe, die rechts steht, wird Jesus sagen:
Kommt her! Euch hat mein Vater gesegnet. Nehmt Gottes neue Welt in Besitz, die er euch von allem Anfang an zugedacht hat.

Alle werden verwirrt sein.

Die auf der rechten Seite: Denn sie wissen nicht, was sie schon getan haben, dass sie das verdienen

Und auch die auf der linken Seite wissen nicht, womit sie es verdient haben: die Dunkelheit, die sich um sie herum ausbreitet und einhüllt in dichten Schwaden…

Zwei Seiten: Schafe und Böcke. Strafe und Belohnung.

 

All das ist mir im Grunde sehr fremd.

Ich habe lange überlegt, ob der Text überhaupt zu diesem Tag passt.

Und ich denke: Jetzt erst recht.

Was du tust, das hat Folgen, sagt Jesus.

Die Realität in Paris hat Folgen.

Die realen Bilder haben die Bilder, die Jesus da vor Augen mal, überholt.

Gemeinsam mit Frankreich trauert Deutschland um 132 Menschen, die friedlich feiern wollten,

Musik hören, Essen gehen.

So eine Welle deutscher Solidarität wäre vor 70, 75 oder 100 Jahren undenkbar gewesen.

Da haben alle um ihre gefallenen Helden getrauert.

Heute weinen Menschen dieser zwei Staaten gemeinsam. Über Grenzen hinweg.

Wenn man sich die Geschichte des 20. Jahrhunderts anschaut, ist das ein Wunder.

Im 1. Weltkrieg kommentierte der deutsche Generalstabs-Chef Erich von Falkenhayn die 370.000 Toten von Verdun mit dem Satz

„Man muss dem Feinde etwas Blut abzapfen.“

Wenige Jahre später wiederholt sich der deutsche Feldzug nach Frankreich.

Wieder gibt es eine riesige Menge toter Menschen.

Und nach den Kriegen wurde der gefallenen Helden gedacht.

Heldengedenktag - damals! Unzählige Denkmäler erinnern daran.

An die eigenen Helden, nicht an die Verstorbenen der anderen Länder.

Irgendwann dann der Umschwung: Volkstrauertag.

Gemeinsam gegen das Vergessen der Gräueltaten, gemeinsam erinnern an die gestorbenen Menschen.

Aus allen Ländern, aus allen Kriegen.

Gemeinsam erinnern an die Gefallenen

aus Brockel und Rotenburg und Verdun.

Und unzählige Tote mehr.

65 Millionen Tote nur in den zwei Weltkriegen.

Seitdem noch einmal genau so viele.

Jahrhunderte lang Feindschaft und Krieg.

Und gestern weint die deutsche Kanzlerin um französische Terroropfer.

Dieses Wunder der Versöhnung hat vor allem zwei Dinge gebraucht.

Verzicht auf Gewalt - und Zeit.

Menschen, die sich entschieden haben:

Wir wollen keine Gewalt mehr, sondern Frieden.

Menschen, die dem Frieden und der Versöhnung eine Chance gegeben haben, zu wachsen.

Mit der Zeit.

 

Und jetzt stehen wir trauernd Seite an Seite.

Mit den Gedanken in Paris.

Das Traurige ist:

So schockierend das ist – es ist nichts Neues!

Es passieren ständig schockierende Sachen.

Und es werden schockierendere folgen.

Wie es schon immer Schockierendes gab.

Am 11. September 2001.

Fast täglich im Irak und in Syrien,

von den Terroristen und von der Regierung.

Und an so vielen Orten in der Welt.

Immerzu.

 

Manche denken: Es wird immer schlimmer.

Aber das stimmt nicht.

Es wird nicht immer schlimmer werden.

Es ist schon immer schlimm.

Und es war schon immer schlimm.

Und immer dachten die Menschen:

So schlimm war es noch nie.

 

Krieg und Terror sind auch letzte Woche schon ein Teil der Welt gewesen.

Auch die Gewalt, die von westlichen Staaten ausgeht,

um wiederum den Terror zu bekämpfen.

Diese Staaten wissen aber auch, dass ihre Gewalt immer wieder neue Gewalt gebären wird.

Wir stehen davor und sind hilflos.

Wir sind uns bewusst, dass wir als einzelne Menschen nicht die Macht haben, so etwas zu verhindern.

 

3. Die Kraft der Wahl

Wir können auch nicht das Morden in Afghanistan,

dem Irak und in Syrien aufhalten.

Und trotzdem können wir etwas tun,

mit unserer kleinen Kraft und unserer großen Macht,

die Gott jedem Menschen zugestanden hat:

Wir können wählen.

Wir können der Angst und dem Hass nachgeben,

uns vergiften lassen von den Gewalttaten der Anderen,

und dann also Gewalt zurückgeben,

misstrauisch und abwehrend werden gegenüber allem, was uns verunsichert.

Ja, einer der Attentäter hat „Allahu Aqbar“ gerufen: Gott ist am größten. Das Bekenntnis der Muslime – missbraucht für den Terror.

Da juckt es einige schon wieder.

Da werden Stimmen laut:  

Und das alles haben wir jetzt davon, dass wir hier die Flüchtlinge alle rein lassen.

Kann man mal sehen, was das für Leute sind!

 

Was passiert da?

Da wird Hass gesät - auf dem Rücken der Flüchtlinge!

Aber der Terror, der in Paris passiert ist,

ist derselbe Terror, vor dem die Menschen aus dem Nahen Osten fliehen - hierher!

Wer diese Flüchtlinge jetzt pauschal beschuldigt und sie zu Terroristen erklärt,

macht die Opfer von Gewalt und Hass zu Tätern.

Das wird ein Weg sein, den Menschen nach diesen Tagen wählen werden.

 

Jesus lehrt uns einen anderen Weg.

Ohne Hass und Gewalt. Ohne Krieg und Terror.

Jesus sagt uns:

Gott stellt sich als Richter immer auf die Seite der Trauernden!

Auf die Seite der Weinenden und der Ausgebeuteten.

Auf die Seite derer, die zu kurz kommen in dieser Welt.

Genau da steht Gott.

Nein, er hat das Böse nicht weggemacht. Noch nicht.

Aber Gott hält das Böse aus.

Mit allen, die das Böse aushalten müssen.

»Denn ich bin hungrig gewesen,

und ihr habt mir zu essen gegeben.

Ich bin durstig gewesen,

und ihr habt mir zu trinken gegeben.

Ich bin ein Fremder gewesen,

und ihr habt mich aufgenommen.

Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich gekleidet.«

 

Jesus sagt klar und deutlich: Er ist schon längst da.

Er ist da, wo sie Hunger haben und flüchten.

Er ist da, wo man sie hasst.

Und wo sie getötet werden.

Die zufälligen Besucher eines Rockkonzertes in Paris.

Oder die türkischen Imbißbesitzer,

die der NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) umgebracht hat.

Da ist Gott.

 

Und er richtet nicht.

Sondern er leidet mit.

Gott stirbt mit den Sterbenden.

Er weint mit denen Weinenden.

 

Und irgendwie richtet er dann doch.

Denn da entscheidet sich alles.

Wie bist du mit denen, die dich brauchen?

Wie bin ich mit ihnen?

 

»Was ihr getan habt

einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern,

das habt ihr mir getan.«

 

Wende dich gegen einen Menschen.

Dann wendest Du dich gegen Gott.

Er kommt nicht erst irgendwann.

Am Jüngsten Tag oder so.

Er kommt jetzt.

Alle Völker der Erde werden vor ihm versammelt,

und er wird die Menschen in zwei Gruppen teilen,

so wie ein Hirt die Schafe von den Böcken trennt...

 

Und sein Urteil entscheidet sich daran,

wie ein Mensch zum andern ist.

Ja. Es ist an der Zeit zu wählen.

 

4.

Vom alten Erbfeind Frankreich redet heute übrigens niemand mehr.

Diese Versöhnung haben wir geschafft.

 

Schaffen wir es noch einmal – nicht nur mit Frankreich? Mit Menschen aus anderen Ländern?

Schaffen wir es, zu den anderen so zu sein, wie Gott zu uns ist?

Wir können schweigen und den Schmerz und die Hilflosigkeit aushalten und mit unserem Mitgefühl bei denen sein,

die trauern und verzweifelt sind.

Egal, woher sie kommen.

»Was ihr getan habt

einem von diesen meinen geringsten Brüdern und Schwestern,

das habt ihr mir getan.«

Amen

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Ina Jäckel

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Mach doch mal Sonntag!
Ina Jäckel
Mach doch mal Sonntag!

Mensch, mach mal Sonntag!

  1.  

"Du sollst den Feiertag heiligen!"
So lernen wir das.

So steht das in den Zehn Geboten.

Ein Tag in der Woche: ein besonderer.

Frei von Arbeit und Alltagskram.

In vielen Religionen ist das so.

Sabbat bei den Juden.

Freitag bei den Muslimen.

Sonntag bei uns Christen. Ruhetag.

„Ach was“, fachsimpelten die Wirtschaftsmenschen in unserem Land schon vor 10 Jahren.

„Wir müssen doch an die Wirtschaft denken!

Warum denn nicht am Sonntag shoppen gehen?

Aufschub für die Wirtschaft!

Und nebenbei: Da könnten die Menschen doch auch mal der drohenden Langeweile am Sonntag entfliehen,

wenn man sowieso sonst nichts machen kann.“

Manchmal gibt’s das: Verkaufsoffener Sonntag.

Eine Abschaffung des Sonntags droht wohl nicht.

Zumindest nicht von oben.

Denn der Sonntag ist grundgesetzlich geschützt.

„Ein Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung“, steht im GG.

Immerhin.

Unser Zukunftsszenario in den Nachrichten – mal eben den Sonntag abzuschaffen – das ist mit dem Grundgesetz gar nicht vereinbar.

Beachtlich, dass sich aber von unten Widerstand regt:

Laut einer Umfrage von 2014 will ein Drittel der Deutschen das Verkaufsverbot an Sonntagen gerne komplett aufheben.

Beunruhigend.

Liebe Kreuz-und-Quer-Demonstranten: Zeit, wirklich auf die Straße zu gehen mit den Schildern!

 „Mensch, mach mal Sonntag!“

Mal ehrlich:

Wenn wir als Christen nicht den Feiertag mit aller Kraft und Phantasie heilig halten:

Wer soll denn dann in unserer Gesellschaft dafür eintreten,

dass der Sonntag ein geschützter Feiertag bleibt - übrigens für Christen wie für Nichtchristen!
Der Sonntag ist keine Nebensache!

"Du sollst den Feiertag heiligen!" – das gehört zum Grundgesetz Gottes.

Der Feiertag gehört zur Grundstruktur unseres Lebens.

Ohne Sonntag geht‘s nicht!

2.

Sonntag also: ja!

„Wie mach ich denn Sonntag?“, fragt die Krankenschwester, die sonntags Spätdienst hat.

Dazu gesellen sich der Pfleger, der jeden 2. Sonntag Schicht hat, und die Polizistin, die am Sonntagabend Streife fährt.

Wie geht das „den Feiertag heiligen“ zwischen Pflicht, Wunsch, Langeweile und Aktionismus?

Die Frage ist gar nicht neu, sondern buchstäblich biblisch:

Einmal war Jesus mit seinen Jüngern unterwegs.

Es ist Sabbat, jüdischer Feiertag.

Man spaziert durch die Felder.

Irgendwann im Spätsommer, das Korn ist schon reif.

Verlockend!

Die Jünger greifen in die Ähren, zerreiben sie und essen die Früchte. Knurrende Mägen vielleicht?

Oder Langeweile? Oder einfach fröhlich?

„Ährenausraufen am Sabbat!“, denken sich einige Pharisäer, die die Szenerie beobachten.

„Klare Sache von Werktags-Arbeit, Widerstand von unten gegen den Feiertag als Ruhetag! Das ist schließlich Gottes heilige Ordnung.

Das muss man konsequent sein und auch mal was sagen:

Hey, Jesus, warum tun deine Jünger sowas am Feiertag, was nicht erlaubt ist?

Ernst sind sie, und so meinen sie es auch.

Ob sie Freude mit diesem Tag verbinden?

Was sie sagen, klingt nach: Feiertag heiligen als Pensum – so geht es und nicht anders.

Jesus – er stellt sich vor seine Jünger.

Schaut die Pharisäer an.

Lässt sich aber gar nicht ein auf die Frage,

was man am Feiertag "darf" und was nicht.

Schlicht sagt er: "Der Feiertag ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Feiertags willen!"

So einfach. Das versteht jeder und es ist auch für jeden gedacht.

Eben: Der Feiertag ist für den Menschen da.

Jesus tritt für den Feiertag ein – ohne Regeln vorzuschreiben.

„Lieber Mensch, der Feiertag ist um deinetwillen gemacht. Halte ihn heilig!“

 

 

3.

Ein Tag in der Woche:  

Frei von Arbeit und Alltagskram. Zweckfreie Zeit – für dich.

„Na toll“, denken wohl die Krankenschwester, der Pfleger und die Polizistin – stellvertretend für alle, die sonntags arbeiten müssen.

„Zweckfreie Zeit – aber ich muss arbeiten.“

Für viele ist der Sonntag ein Arbeitstag.

Sonntagsschutz ist eigentlich im Arbeitszeitgesetz festgeschrieben.

Aber mit Ausnahmen: Krankenhäuser, Polizei, Verkehrsbetriebe, Pflegeeinrichtungen…

Wir leben in einer anderen Zeit.

Ohne diese Arbeiten am Sonntag wäre unsere heutige Gesellschaft gar nicht denkbar.

Allerdings auch nicht verwunderlich, dass das auch Auswirkungen auf die Sonntagskultur hat.

Das ist so.

„Einfach mal Sonntag machen ohne Arbeit“  – so geht’s oft nicht.

Da trifft Erwartung auf echtes Leben im Hier und Jetzt.

Aber auch damals, Jesus hat es schon erlebt.

Einmal heilte er einen Menschen am Feiertag.

Prompt wurde er von den Gelehrten misstrauisch beäugt.

Heilen ist offensichtlich arbeiten.

Genauso wie ein Polizeieinsatz oder eine Operation am Sonntag.

Und Jesus sagte: »Was darf man nach dem Gesetz am Feiertag tun? Gutes oder Böses? Einem Menschen das Leben retten oder ihn umkommen lassen?«

Und, so wird erzählt: Er bekam keine Antwort.

Für Jesus stand völlig außer Frage,

dass manche Dinge auch am Feiertag schlicht dran sind und sich nicht verschieben lassen.

Das weiß auch eine Krankenschwester, ein Pfleger oder eine Polizistin!

 

4.

Und gleichzeitig: Es gilt ja für uns alle:

„Du sollst den Feiertag heiligen.“

"Denn: Der Feiertag ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Feiertags willen!"

Sabbat bei den Juden.

Freitag bei den Muslimen.

Sonntag als christlicher Ruhetag mit Gottesdienst.

So festgelegt vor etwa 1700 Jahren von Kaiser Konstantin und Papst Silvester I.

Es hätte wohl auch ein anderer Tag werden können.

Kaiser und Papst wollten den Sonntag.

Und das ist er bis heute geblieben. Dafür ist der Sonntagsschutz gut und richtig.

Dabei geht’s nicht um den Tag Sonntag zwischen Samstag und Montag an sich.

Es geht um überhaupt einen Tag in einer 7-Tage-Woche.

6 Tage arbeiten, der 7. dann: Frei von Arbeit und Alltagskram.

Klassischerweise sonntags,

für manche geht’s eben nur mittwochs oder montags.

Am siebenten Tag ruhte Gott von allen seinen Werken", heißt es in der Schöpfungserzählung.

Wie ER, so wir.

Darum: "Du sollst den Feiertag heiligen."

Und das meint keine Grenze im Sinne von: Heute darfst du nicht arbeiten!

Nein, es ist als Geschenk zu begreifen!

Den Feiertag sollst du heiligen – um deinetwillen.

Ein Tag, um Distanz zu gewinnen zum Alltag der Woche,

der dich sechs lange Tage in Beschlag nimmt.

Wie sieht denn dein Alltag aus?

Arbeiten, putzen, Erwartungen erfüllen, die andere an dich stellen,  

keine Zeit haben, gehetzt und getrieben ständig auf die Uhr sehen, weil es von Not zu Not oder von Leere zu Leere geht.

Und natürlich das Smartphone:

Beruflich oder privat: Kontakte pflegen und speichern,

beständig erreichbar sein,

um schnell was abklären zu können,

sofort reagieren zu können – sonst denkt der andere noch, ich bin eingeschnappt,

noch eben 184 Mails checken.

Smartphone macht’s möglich.

Erinnert dann und wann aber auch schmerzhaft an die Schattenseiten unserer Kommunikationskultur:

Auszeiten, Freizeiten, Abschalten – das wird immer schwerer:

Dann kommt das schlechte Gewissen,
die Sorge, was zu verpassen,
das Gefühl, doch eigentlich irgendwo anders sein zu müssen,

mit irgendetwas anderem beschäftigt sein zu müssen….

Du sollst den Feiertag heiligen – als unverzweckte Zeit für dich ohne dieses ständige Getriebensein

das ist nichts, was sich einfach einstellt mit Ausschlafen und nicht arbeiten.

An diesem Tag von allen Werken zu ruhen,

alles Alltägliche zu lassen, um wirklich frei zu sein von allem, was an dir zerrt – das ist eine Aufgabe!

 

Aber Jesus sagt: Das ist etwas, das dir gut tut! Der Feiertag ist um deinetwillen gemacht.

Da ist dir Raum zum Ausruhen, Beten, Hören und Empfangen,

Feiern und Genießen geschenkt.

Ein Tag, an dem sich nicht einfach fortsetzt, was immer ist.

Ein Tag zum Innehalten, Kraft Tanken,

Hoffnung schöpfen – mit Familie, Freunden, Träumen, Nichtstun, Lesen, Sofa, Spielen mit den Kindern – um deinetwillen.

Ein Geschenk Gottes.

 

 

5.

Auch, um Zeit für den Gottesdienst zu haben.

Einen Moment bei Gott zu Hause sein. Ohne etwas tun zu müssen.

Sicher, in unserer Gesellschaft nehmen immer weniger Menschen den religiösen Sinn des Feiertags wahr.

Manche enttäuscht das.

Ich nehme aus der Geschichte vom Ährenausraufen mit,

dass es überhaupt nicht angebracht ist,

da "pharisäerhaft" zu reagieren

und mit gekränkter Mine, die Leute darüber zu belehren,

wofür der Sonntag denn "eigentlich" da ist und wie man ihn "eigentlich" zu begehen hat.

Jesus sagt doch: "Der Feiertag ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Feiertags willen!"

So einfach.

Ein Angebot Gottes für die Menschen.

Angebot der Freiheit - ohne Bedingungen, auch ohne Gebrauchsanweisung.
Lassen wir also den Jüngern ihren ausgelassenen Streifzug durch die Ähren,

lassen wir den jungen Leute die Freude am Ausschlafen,

lassen wir den Familien Zeit zum ausgedehnten Frühstück.

Die Chance des Tages ist doch Pause zu machen, den Lauf der Dinge zu unterbrechen.

Und wer weiß: Vielleicht spürt der ein oder andere irgendwann, dass sogar noch mehr drin ist an diesem Tage.

"Mach doch mal Sonntag!“

Wer einen Tag Pause macht, tut das.

Aber, wie gesagt, damit sind die Möglichkeiten nicht ausgeschöpft.

Es bleibt die Einladung, einen Moment bei Gott zu Hause zu sein, wie wir das gerade tun:
Alle Pläne, Sorgen und Ängste loslassen.

Sie in Gottes Hand legen.

Um sich dann aufzumachen – gestärkt und in der Gewissheit,

dass Gott mit uns geht durch den Alltag, der morgen wieder beginnt.

Amen.

 

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Di. 07.10.14
Bullerbü war gestern! - Erntedank 2014
Ina Jäckel
Bullerbü war gestern! - Erntedank 2014

"Bullerbü war gestern!"

1.

Kennst du Bullerbü? Es ist das kleine Dorf in Schweden, wo Astrid Lindgrens „Kinder von Bullerbü“ ihre Abendteuer erleben. In Bullerbü wohnen 3 Familien auf 3 Höfen mit Mägden und Knechten. Alle helfen mit: Wenn die Felder mit den Ochsen bestellt werden, wenn das Gras bei der Heuernte mit Sensen geschnitten wird. Manches schafft einer allein: z.B. mit dem kleinen Schemel auf die Wiese spazieren, um in grüner Idylle die Kühe zu melken. Die Kinder helfen fröhlich mit: Sie bringen ein bisschen Getreide zur Mühle am Fluss, wo es gemahlen wird oder jäten das Unkraut auf dem Rübenfeld.

Die Magd mistet den Stall aus. Manch kleines Lamm ohne Mama wird mit der Nuckelflasche aufgepäppelt. Darum sagt Jesus: Macht euch keine Sorgen um euer Leben, ob ihr etwas zu essen oder zu trinken habt, und um euren Leib, ob ihr etwas anzuziehen habt! Und die Kinder in Bullerbü sagen: "Uns tun alle Leid, die nicht in Bullerbü wohnen, weil es hier so schön ist.“

 

2.

Ich nenne ihn Hermann. Hermann gibt es nicht wirklich. Er könnte ein Landwirt irgendwo in unserer Gemeinde sein. Hermann findet: Ohne Bauern würden wir kein Erntedankfest feiern. Er ist stolz auf seinen Beruf. Er mag den Gedanken, dass er Hand in Hand mit Gott, dem Schöpfer arbeitet. „Gott lässt regnen, wachsen und keimen“, sagt Hermann, „ich bin sozusagen der technische Dienst, der hegt und pflegt und erntet, was Gott hat werden lassen. Wir sorgen gemeinsam dafür, dass wir alle zu Essen haben.“

Jesus sagt: „Macht euch keine Sorgen um euer Leben, ob ihr etwas zu essen habt.“

Hermann denkt manchmal daran, aber er findet das schwierig. Er hat sich das Jahr über genug Sorgen gemacht: Bangen um Regen, Hoffen auf Sonne – alles zur richtigen Zeit.

Die Ernte war gut dieses Jahr. Aber in Hermanns Dankbarkeit mischt sich auch viel Enttäuschung. Mit den immer neuen Forderungen der Verbraucher und Politiker steht er auf Kriegsfuß. Er kann es nicht mehr hören, was die Leute alles auf ihrem Wunschzettel haben: Mehr Tierwohl, größere Ställe.

Den Fernseher macht er gar nicht mehr an: Überdüngung, Antibiotika – Hermann sagt: „Das ist viel zu einseitig. Was gut ist, wird gar nicht erwähnt.“

Hermann melkt seine knapp 400 Kühe nicht auf der Wiese, sondern im Stall. Sein Sohn hilft dabei. So ist die Realität: Technischer Fortschritt mit riesigen Maschinen. Damit sind Kosten verbunden. Und dann der globale Weltmarkt, der immer nur neue Sorgen produziert.

Viel Arbeit, zum Teil 7 Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, wenig Lohn.

„Davon haben die wenigsten eine Vorstellung“, sagt Hermann, „man denkt, wir sind reich, weil wir große Ställe und große Maschinen haben.“

Einen neuen Stall hat er gebaut und den alten modernisiert. Das Wohl seiner Tiere liegt ihm am Herzen. Der Preis für seine Milch ist trotzdem zum Herbst wieder gefallen.

Er ist enttäuscht und findet nicht, dass der Preis den wirklichen Wert widerspiegelt.

Wertschätzung für sich selbst und seine Produkte – die fehlt ihm.

Und auch die Bereitschaft seitens der Gesellschaft zu einer echten Auseinandersetzung.

„Die Verbraucher wollen Bullerbü mit Hahn auf dem Mist und Kühen auf der Weide“, sagt Hermann. Er fragt sich, ob das wohl dieselben Leute wollen, die Hackfleisch aus dem Ladenregal für 3,99 €/kg an die Kasse tragen.

„Macht euch keine Sorgen um euer Leben“, sagt Jesus.

Und Hermann antwortet: „Das wäre schön. Aber das geht nur, wenn sich die Verbraucher auch mal Sorgen um mich machen.“

 

3.

Erntedank und Enttäuschung – passt das zusammen?

Wenn ich Menschen wie Hermann zuhöre, fällt es mir schwer, beides voneinander zu trennen. Ja, ich bin dankbar für all das, was andere auf ihren Feldern und in ihren Ställen geerntet haben. Gott sei Dank brauche ich mir keine Sorgen darum zu machen, ob ich etwas zu essen und zu trinken habe. Menschen wie Hermann sorgen Hand in Hand mit Gott dafür, dass ich satt werde.

 

Aber wenn ich Hermann höre, merke ich, dass Erntedank nicht nur ein fröhliches Fest ist. Für Hermann ist es verbunden mit weit reichenden Fragen zur Landwirtschaft.

Ich bin kein Landwirt. Ich bin Verbraucher. Sollte es mir leid tun, dass ich nicht wie vor 100 Jahren in Bullerbü wohne, wo ein Bauer 4 Menschen versorgt hat: sich selbst und seine Familie? Es tut mir nicht leid! Ich lebe in Brockel im Jahr 2014.

Ich habe wie viele andere die Freiheit, einen Beruf auszuüben, Hobbies zu haben und im Laden einzukaufen, was ich möchte.

Ich habe wie viele andere die Freiheit und die Möglichkeit, mich versorgen zu lassen mit Dingen, die andere für mich herstellen: Essen, Trinken, Kleidung.

Gott sei Dank! Dafür verabschiede ich mich gerne von der Kinderbuch-Idylle Bullerbü, weil es auch heute schön und gut ist. „Also“, sagt Jesus, „macht euch keine Sorgen!“

Aber Hermann sagt: „Keine Sorgen machen – das geht für mich nur, wenn sich die Verbraucher auch mal Sorgen um mich machen.“

 

4.

Passen Erntedank und Enttäuschung schlecht zusammen?

Liebe Leute, ihr seid heute hierher gekommen, um euch zu freuen und zu feiern.

Ihr seid hierhergekommen, um Gottes Wort zum Erntedank zu hören.

Ich kann aber nichts dafür, wenn Gottes Wort in diesem Fall ziemlich eindeutig ist:

„Macht euch keine Sorgen um euer Leben! Sorgt euch zuerst darum, dass ihr euch seiner Herrschaft unterstellt, und tut, was er verlangt…“

Was Gott verlangt, hat er uns längst gezeigt: Durch die ganze Bibel zieht sich seine Sorge um die, die Hilfe – in welcher Form auch immer – brauchen. Sorge um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Diese Sorge erwartet er auch von uns. Gerade, weil wir die Freiheit und die Möglichkeit haben, uns versorgen zu lassen mit allem Lebensnotwendigen.

Vertrauen auf Gottes Fürsorge und sich kümmern um die, die meiner Hilfe bedürfen – das schließt sich überhaupt nicht aus. Im Gegenteil: Ich soll vom Sorgen, vom Kreisen um mich selbst lassen, damit ich den Blick frei habe für die anderen. Dann heißt Erntedankfest: Nicht nur artig Danke zu sagen, sondern dieser Dankbarkeit auch Hand und Fuß verleihen – im Blick auf andere. Andere haben auch das Recht auf ein sorgloses Leben!

 

Wo bleibt die Gerechtigkeit, wenn die Ansprüche von Verbrauchern und Politikern an Menschen wie Hermann steigen, aber gleichzeitig die Wirklichkeit an der Ladenkasse ganz anders aussieht? Irgendwas stimmt nicht mit unserer Dankeskultur, wenn wir bereit sind zu fordern und zu nehmen, und uns dafür nicht entsprechend revanchieren.

Wenn so vielen Menschen unwohl ist bei dem Gedanken, wie die Kuh gelebt hat,

bevor sie als Steak auf dem Teller landet, und wenn wir uns wirklich mit Landwirtschaft – ihrer Gegenwart und ihrer Zukunft fern von Bullerbü – auseinandersetzen wollen,

dann sind wir alle gefragt: Alle, die wie Hermann Enttäuschung spüren, alle Bürger und Konsumenten, die Politik und Umweltschützer: Ohne offenen, kritischen Dialog geht es nicht. Danken und die Enttäuschung wahrnehmen –das gehört auch zusammen.

 

5.

Hermann hat sich was Neues einfallen lassen: Einen „Tag der offenen Tür“ auf seinem Hof. Für Menschen, die wissen wollen, woher ihr Fleisch und ihre Milch kommen.

Er findet, dass es nur so möglich sein kann, die Bilder in den Köpfen der Menschen durch die Wirklichkeit zu korrigieren. Keine gequälte Kreatur im dunklen Stall. Aber auch kein Melkschemel auf der Wiese. Keine 4 Menschen, die satt werden müssen, sondern mehr als 100. Die Wirklichkeit sieht eben anders aus als in Bullerbü. Hermann freut sich über die Menschen, die ihm erzählen, dass sie beim Netto gerne die „Plus 10 Cent“ für die Milch bezahlen, die aus ihrer Region stammt. Er traut sich zu sagen: „Vielleicht findet ja doch ein Umdenken statt?“

Danke sagen zum Erntedank – das ist eben nicht nur ein Lippenbekenntnis.

Wenn es uns ernst ist mit dem Dank, warum sich dann nicht auch dankbar erweisen?

Anerkennung zeigen, sich revanchieren: Indem wir das Gute, das wir bekommen, an andere weitergeben. So einfach. So selbstverständlich eigentlich. Gutes tun.

Augen und Herzen nicht vor denen verschließen, die Hilfe brauchen. Ohren nicht zumachen, sondern auch hinhören und sich angesprochen fühlen, wenn Hermann von seiner Enttäuschung redet – die auch mit mir zu tun hat?

Muss ich wirklich jeden Tag Fleisch essen?

Wenn ja, sollte ich mir auch sagen lassen, dass Menschen in Paraguay deswegen hungern müssen, weil sie statt Nahrungsmitteln für die eigene Bevölkerung Futtermittel für den Export anbauen.

Muss ich wirklich die allergünstigste Milch kaufen? Wenn ja, sollte ich mir auch sagen lassen, dass ich dann nicht erwarten kann, dass extra für mich ein grüner Schemel auf die Wiese zum Melken getragen wird.

Ja, so eng hängt das alles zusammen! Dankbar sein und Dankbarkeit zeigen: Das heißt dann auch: Verzichten, einfacher leben, sich beschränken – und das, was andere mir durch ihre Arbeit an Sorglosigkeit ermöglichen, auch entsprechend zu wertzuschätzen.

„Sorgt euch zuerst darum, dass ihr euch seiner Herrschaft unterstellt, und tut, was er verlangt…“

Jesus redet Klartext.

Gott danken und nur für sich selbst sorgen – das geht nicht! Ent­weder – oder.

Lassen wir uns das sagen? Dann können wir uns mit der schön ge­schmückten Kirche und den leuchtenden Gaben hier vorne nicht zufrieden geben.

Dann müssen fröhliche Feier und enttäuschter Protest Hand in Hand gehen.

Dann dürfen wir die Augen nicht verschließen vor der Welt, in der wir leben. Diese Welt, in der es Hermann gibt und eine Politik, die viel von oben diktiert, und dich und mich irgendwie dazwischen. Von dieser Welt und von allem, was sie für uns bereithält, sagen wir: Gott, es ist deine Welt, in der du uns mit allem Notwendigen versorgst.

Schenk uns deinen Geist, unsere Sorglosigkeit und Dankbarkeit auch für andere spürbar werden zu lassen. Hinhören, sich an die eigene Nase fassen – und dann erst mitreden und Taten folgen lassen. Nicht zu viel verlangt, sondern unser angemessener Dank für Gottes Fürsorge und Menschen Arbeit.

Amen.

KONTAKT

Ina Jäckel

Arbeitsbereich in der Kirchengemeinde: 
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Pastorin
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27386
Brockel
Tel.: 
(0 42 66) 95 55 65
So. 16.06.13
Das Leben ist eine Reise
Marco Müller
Das Leben ist eine Reise

Sie haben Ihren Bestimmungsort erreicht!

 

Es ist ein halbes Jahr her, da hörte ich diesen Satz das erste Mal. Ausge­sprochen vom Navigationsgerät eines Kirchenvorstehers: Sie haben Ihren Bestimmungsort erreicht. Wissen Sie, ich benutze ja NAVIGON© in meinem Auto. Bei denen geht es weniger spirituell zu. Wenn ich mit meinem Navi irgendwo ankomme, dann sagt es mir im besten Fall: Sie nähern sich der Zielstraße. Das Ziel liegt: links. Aber bei TomTom© ist das anders. Nicht dass das Navi an sich besser wäre – ich schwöre auf meines  –, aber diese leicht religiöse Note, die finde ich schon klasse… Sie haben Ihren Bestimmungsort erreicht. Wollen Sie’s mal hören? Ich hab’s extra aufgenommen…

 

Da kommt man doch sofort ins Philosophieren, oder?
Was ist meine Bestimmung..? Wozu bin ich da…? Wo habe ich meinen Ort…?  –  Ganz ehrlich! Ich glaube, die hatten bei TomTom©großen Spaß, als sie vor Jahren  die Aufnahmen gemacht haben… Offenbar haben sie verstanden, dass Reisen etwas mit Sinnsuche zu tun hat:

 

Das Leben ist eine Reise. Das ganze Leben suchen wir, wandeln wir, irren wir umher, sind auf Holzwegen, drehen um, wenden uns mal so und mal so  ––  auf der Suche nach Sinn in dem, was wir tun und was wir sind; auf der  Suche nach Glück in dem, was wir erleben. Und manchmal stehen wir auf dem Bahnsteig oder im Abflugterminal und lesen verzweifelt: cancelled – 25 Minuten Verpätung – annuliert – abgesagt.

 

Eines der eindrücklichsten Reiseerlebnisse, die ich erfahren habe, ereignete sich vor genau 10 Jahren in Südindien. Ich war dort allein hingefahren. Und zwar wider Willen allein! Das war kurz nach dem theologischen Examen, eigentlich wollte ich gemeinsam mit meiner damaligen Verlobten Freunde in Indien besuchen. Es kam alles anders. Nicht die Anzeigetafel am Flughafen zeigte „storniert“, sondern meine Freundin „stornierte“ unsere Beziehung. Und so musste ich allein fliegen, mitten in diesem Sturm.  ––  Und dann saß ich irgendwann im Monsunmonat August bei 30 Grad und geschätzten 200% Luftfeuchtig­keit im Zug nach Kottayam und hörte unter dem Waggon mit offenen, vergitterten Fenstern die Schienen rattern. Ein Rattern, das es in Deutschland nicht mehr gibt. Die Züge fahren hier zu schnell…
Badamm! – rrrrrrr – Badamm! – rrrrrrr –Badamm! – rrrrrrr
Ich hörte nebenbei Musik über Kopfhörer und auf einmal fühlte sich alles gut an. Weil ich spürte: Ich bin unterwegs! Ich entferne mich vom Ort der Schmerzen. Es geht weiter. Ich wusste nicht wohin, aber das Leben bewegte sich. Ich hatte Angst, aber ich war auch gespannt, was kommen würde. Wo würde mein Bestimmungsort liegen? Nach dieser schmerzhaften Stornierung? Was würde mir Orientierung schenken? Das Leben ist eine Reise!

 

Aber ich habe in den Jahren hier in Brockel auch eine ganze Reihe von Menschen kennen gelernt, die gar nicht gern reisen. Da war manches Gespräch mit Goldenen Paaren, die nach 50 Jahren Ehe aus ihrem Leben erzählten: Vom Kennenlernen und Familiegründen und oft auch Kühemelken und Felderbestellen. Und die sagten: Landwirtschaft und Reisen – das sind zwei Dinge, die nicht so leicht zusammengehen. Auch deshalb habe ich so manches Mal gehört:  Ja, wir waren auch mal im Harz. So für 4 Tage. Aber dann war’s auch genug. Zuhause ist es doch immer noch am schönsten…

 

Nicht jeder reist gern! Auf Konfirmanden­freizeiten lernt man als Mitarbeiter die Vielfalt der Symptome kennen, die Heimweh hervorrufen kann! Bauchweh und Knieschmerzen; Kopfschmerzen und Seebeschwerden. Alles ernst zu nehmen! Denn das ist ja völlig in Ordnung, dass nicht jeder gern unterwegs ist.
…zumindest nicht mit dem Reisebus…

 

Denn andererseits sind wir auf bestimmte Art und Weise dann eben doch alle unterwegs – und können auch nicht anders! Nichts lässt sich anhalten, nichts lässt sich konservieren. Was hätte es mir genutzt, meinen Indienflug damals zu stornieren – die Erfahrung, dass das Leben sich manchmal in eine Richtung bewegt, die ich nicht will, wäre geblieben! Nichts bleibt, wie es war.

 

Die Frage bleibt: Was schenkt mir Orientierung? Wie sieht das Navi aus, mit dem ich im Alltag voran komme?

 

Sich dieser Frage ernsthaft zu stellen, ist lebenswichtig, glaube ich. Denn die nächste Herausforderung aus dem Sessel der Gemächlichkeit hält das Leben mit Sicherheit schon bereit!

 

Jemand erzählte mir von einer guten Freundin. Die war offenbar genau an diesem Punkt angekommen: An der Frage: wie kann es weitergehen? Ich weiß nicht, was sie genau erlebt hatte. Aber sie hatte das dringende Bedürf­nis, Klärung für die Zukunft zu gewinnen. Keine Ahnung, ob sie Zeitungen durchgeforstet hat oder im Internet gesucht hat – am Ende landete sie jedenfalls bei einer Wahrsagerin, die ihr Handwerk offenbar sehr eindrücklich betrieb… Es wäre besser gewesen, wenn diese Freun­din sich andere Orientierung gesucht hätte! Denn die bösen Nachrichten, die sie dort hörte, wirkten von da ein wie ein stetiger Störsender auf ihrem Weg. Ob sie sich am Ende als wahr herausstellten, ist dabei völlig irrelevant und ich weiß es auch nicht. Entscheidend wurde, dass fortan die Navigation im Hier und Jetzt durch die vermeint­liche Zukunft gestört wurde… Ängstlich ging sie jeden Schritt!

 

Was schenkt mir tatsächlich Orientierung?
Es gehört nicht viel dazu, sich die Geschichte von den Jüngern auf dem See Genezareth (Evangelium nach Matthäus, Kapitel 8, Verse 23-26) als eine vorzustellen, die genau diese eine Frage in den Mittelpunkt stellen will… Ein kleines Boot  ––  vielleicht 1,20 Meter breit, vielleicht 5 Meter lang  ––  gefüllt mit gut einem Duzend Menschen.  Ganz vorn legt sich einer von ihnen schlafen. Zusammen­gerollt wie ein Kind im Bauch der Mutter. Der Tag war anstrengend gewesen. So viel geredet, so viel getan, so viele Begegnungen. So viel Energie!

 

Zu Beginn zieht das Boot sachte über den glatten See. Die Sonne fällt langsam und wunderschön hinter eine Front aus Wolken…   –––   Und dann erheben sich plötzlich Winde und die rudernden Menschen werden unruhig. Der Kahn hat wenig Tiefgang. Die Wellen werden höher. Die Fallwinde fegen von der umliegenden Bergen. Das Wasser gluckst ärgerlich und unter ihnen zeugt tiefes Schwarz von der Gefahr. Die Wellen werden höher und höher und übernehmen die Kontrolle über das Boot. Die Gischt schlägt in die Gesichter…   ––   Diese Reise ist alles andere als ein sommerlicher Ausflug. Sie sind Kilometer weit vom Land entfernt. Und dieses lebendige galiläische Meer wirft sie hin und her in ihrem kleinen Boot…   ––   Wo geht es lang? Wie kann es weitergehen? Wer erdet mein Leben dort, wo alles ins Schwimmen gerät? Jesus … schläft!

 

Wie oft habe ich im Leben ganz genau dieses Gefühl!
Gott schläft  ––  zwar vermutlich den Schlaf des Gerechten  ––, aber er schläft! Oder ist auf Urlaub oder sonst wo.

 

Wissen Sie, diese Geschichte im Matthäusevangelium ist transparent geschrieben. Ganz bewusst – so wie viele andere Wundergeschichten auch! Sie ist auf Transparent gemalt, damit ich durch sie hindurch etwas von meinem Leben erkennen kann. Und das kann gelingen! Diese Geschichte erzählt von meiner Reise. Und von deiner. Wir können unsere Stürme dort hinein zeichnen! So ist das gedacht.   –––   Und entsprechend bietet diese wunderbare Geschichte auch Orientierung an:

 

Als die Jünger und Jüngerinnen im Sturm die Sprache wiederfinden, bedienen sie sich einer Mundart , die eindeutig im Gebet zu Hause ist. Sie rufen den vermeint­lich schlafenden Jesus an:
Kyrie! Herr, rette uns! Wir gehen verloren!
Kyrie eleison!   ––   Herr, erbarme dich!
Was Matthäus als Autor dieser Geschichte macht, ist nicht der Versuch, mit Worten einen Film zu drehen, den man sich wieder und wieder angucken kann, um zu bestaunen, was für Mächte in Jesus schlummern. Matthäus malt ein transparentes Bild und er erinnert auf diese Weise daran, wie wir Orientierung gewinnen… Seine Geschichte will viel mehr ausdrücken als ihr Buchstabe sagt. Denn zwischen ihren Zeilen weht auch unser Sturm mit…

 

Es ist gut, sich er-innern zu lassen: Da ist einer, der schlafend aussieht in deinem Sturm. Ruf ihn an!
Liebe KREUZ+quer-Gemeinde, dieses Er-innern ist die eigentliche Reise! Es ist die Reise ins Innere. Ich gehe in mich – ich er-innere mich – statt vor meinen Ängsten davonzulaufen. Ich konzentriere mich auf das, was ich glaube, statt den Gerüchten da draußen zuzuhören. Ich lasse mich von Matthäus er-innern an den, der mit mir im Boot sitzt. Und ich komme zu mir selbst; ich beuge mich in das Auge des Sturms und erlebe, wie es dort still wird !!! Dort, wo ich beginne zu beten: Herr, erbarme dich! Mitten im Sturm. Weil er da ist: Jesus Christus in meinem Boot; an meiner Seite; auf meiner Reise; in meinem Sturm.

 

Wo lasst Ihr Euch er-innern an den,
der in der Stille zur Kraftquelle für Eure Lebensreise werden will?
Wann sucht ihr ihn?
Und an welchen Orten?
Seid Ihr unterwegs…!?

 

Das Leben ist eine Reise durch ein vielfältiges Land. Würden unsere Füße nur Höhen bewandern – es wäre in Wahrheit eine einzige Ebene, auf der wir liefen. Keine Hochzeiten und keine Tiefpunkte: Ohne unten und oben.
Nichts gegen Ostfriesland... :-)
Aber ich danke Gott für das Kribbeln in meinem Bauch, wenn ich beginnen kann, neue Flüge zu buchen – auch nach Indien; wenn kurz unterhalb des Gipfelkreuzes die Sonne mich wärmt, wenn der Ausblick mich entschädigt für den anstrengenden Aufstieg. Wenn ich nicht vergesse, diese Höhepunkte als Geschenke Gottes zu verstehen, dann lässt die Er-Innerung an sie in mir Vertrauen wachsen – wenn ich irgendwann dann mit Sicherheit wieder im Tal bin… – Vertrauen in den, der mit mir im Boot ist. Das ist die eigentliche Reise…

 

Unterwegs bleiben
dem Ziel entgegen
mit dem Glauben
der uns leitet
mit der Hoffnung
die uns stärkt
mit der Liebe
die uns trägt
Unterwegs bleiben

 

trotz vieler Zweifel
trotz vieler Mühen
trotz vieler Widerstände

 

Unterwegs bleiben
dem Stern folgen
immer wieder still werden
und ehrfürchtig danken
für das Leben

 

(Max Feigenwinter)

AMEN.

So. 23.06.13
"Ich mache den Weg frei...!"
Marco Müller
"Ich mache den Weg frei...!"

»Wir machen den Weg frei!«

 

Liebe regionale Gottesdienst-Gemeinde,

 

es gibt nicht viele Werbeslogans, die sich so tief ins Gedächtnis der Deutschen  eingesenkt haben wie dieser. „Wir machend den Weg frei“ feiert in diesem Jahr sein silbernes Jubiläum.[1] 1988 verdiente sich die Werbeagentur Eiler & Riemel eine goldene Nase mit diesen fünf Worten. Und seitdem ist jedem klar, dass es nicht um Schneeschieber geht oder Räumfahrzeuge, sondern natürlich um die…?

 

»Volks- und Raiffeisenbanken…«

 

Merkwürdig, wofür wie in unserem Kopf Speicherplatz bereithalten, nicht wahr!? Übrigens landet der Slogan damit auf dem 17. Platz der beliebtesten Werbeslogans überhaupt – knapp hinter „da weiß man, was man hat“… (was war das noch…?)   ––   Aber noch vor der zartesten „Versuchung, seit es Schokolade gibt“… – Die mit den lila Kühen.

 

„Wir machen den Weg frei“ Was an dieser Kampagne besonders beeindruckend ist, sind ihre Bilder. Auch die haben sich eingebrannt: Ein Kajakfahrer, der genau auf einen Felsen zu paddelt. Und kurz bevor er ihn trifft, driftet der Fels auseinander und gibt den Weg frei. Oder ein Autofahrer, der vor sich nur noch Wüste sieht. Aber er vertraut dem Weg, steigt in den Wagen und fährt los – und ein mächtiger Wind kommt auf und bläst den Sand von der perfekt asphaltierten Straße…

 

Die Bilder sind mächtig! Man muss nicht schon einmal in einem Kajak gesessen haben um zu wissen: Das könnte jetzt brenzlig werden…; ich bewege mich schnurstracks auf den Abgrund zu; fahre in die Sackgasse hinein und weiß nicht, wie ich noch wenden soll:

 

 • Ich erlebe das, wenn ich mich mal wieder total verrannt habe in meiner Argumentation mit jemandem. Wenn ich merke: es wird jetzt irgendwie lächerlich, aber es scheint kein Zurück mehr zu geben…
Das könnte jetzt brenzlig werden…

 

• Man erlebt das, wenn man in der Schule oder beim Chef mehr und mehr in die Enge gerät. Weil sich dieser Teufelskreis bildet: aus Ablehnung und Unlust und der Quittung, die ich kassiere, die ich wiederum als Ablehnung verstehe, die wiederum Unlust erzeugt…
Das könnte jetzt brenzlig werden…

 

• Ich erlebe das, wenn ich nicht mehr da rauskomme: Ich scheitere wieder und wieder an den von mir selbst gesetzten Zielen: Nur noch einmal will ich mich auf diese Sache einlassen. Danach ist Schluss… Aber ich scheitere, in die Enge getrieben von einer Macht die mit meinen ehrlich gemeinten Entschlüssen spielt. Und ich  beginne mich selbst zu verachten. Und damit ich nicht mit Haut und Haaren in diesem Scheitern untergehe, tue ich so, als könne ich den Teil von mir abspalten, der den Befehlen meines Verstandes nicht gehorcht…  ‘Das bin ich nicht! Das ist ein anderer…‘
Das könnte jetzt brenzlig werden…

 

Situationen, in denen ich zwischen den Fronten stehe: Ich fahre schnurstracks auf dürres Land zu und alles sieht danach aus, als würde ich augenblicklich steckenbleiben…
Die Bilder sind mächtig. Man muss nicht schon einmal auf die Wüste zugefahren sein, um zu wissen: hier droht Gefahr für mich.

 

„Wir machen den Weg frei“ spielt mit unseren Erfahrungen von Angst und Ausweglosigkeit. Und ich bin mir sicher: Die kreativen Köpfe von Eiler & Riemel, dieser Werbeagentur, die das vor 25 Jahren entwickelt hat, kannten eine Geschichte in und auswendig:  Das Bild, das sie wieder und wieder gemalt haben – in ganz verschiedenen Varianten – haben sie abgeguckt im zweiten Buch Mose. Das Volk Israel steht mit seinem Anführer Mose am Scheideweg. Kein Vor und kein Zurück mehr. Verrannt zwischen dem Ägyptischen Heer und dem bedrohlichen Meer… In die Enge geraten…

 

Wissen Sie, eine logische Konsequenz wäre in dem Moment gewesen, dass sie Teile von sich abspalten. Dass sie auseinanderdriften und in verschiedene Himmelsrichtungen fliehen. Dass sie alles aufgeben: die Einheit, die Identität. Das wäre zumindest eine Taktik gewesen, eine Überlebensstrategie! Vielleicht wäre die Hälfte des Volkes entkommen…!

 

Aber offenbar will Gott keine halben Sachen. Er will dich ganz, so wie du bist, mit den Schwächen und den Stärken; mit den Schwachen und den Starken; er will das ganze Volk: die Fußkranken und die Kinder genauso wie die jungen Männer. Als alles auf der Kippe steht, ist es der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs, der sagt:

 

„Ich mache den Weg frei!

 

Liebe Gemeinde, wem traue ich das zu? Meiner Volks- und Raiffeisenbank? Ich traue denen ja eine Menge zu…

 

Genauso übrigens wie denen von der Sparkasse: Wenn’s um Geld geht… (Sie wissen schon…)   ––   Das sei einfach mal gesagt, um nicht weiter Schleichwerbung zu machen…; mit dem Slogan steht die Sparkasse übrigens auf Platz 5…

 

…ich traue denen also eine Menge zu – aber wenn’s um mich geht!? Um mein Leben, meine Ängste, meine Sorgen, meine Not?
Man muss kein Bankenkritiker sein, um an diesem Punkt zurückhaltend zu werden. Wer sich die Frage derart auf der Zunge zergehen lässt, der kommt schnell ins Nachdenken… Wem traue ich zu, mir den Weg freizumachen? Meinen persönlichen, aber auch den Weg für diese Welt…!?

 

Wir sind ja immer schnell dabei zu schauen, wo solche Texte zu uns persönlich zu sprechen beginnen. Wo also die Parallelen zwischen der Ausweglosigkeit am Schilf­meer und meiner Ausweglosigkeit liegen könnten. Ich glaube, wir tun das zu Recht. Denn Gottes Sehnsucht nach Freiheit für sein Volk muss doch auch heißen, dass er sich danach sehnt, dass jeder Einzelne frei wird und aufrecht gehen kann?   –– Nur darf dabei eben jene zweite Perspektive nicht aus dem Blick geraten: Gott liebt die Freiheit seiner ganzen Schöpfung. Der Menschen und Völker, die er gemacht hat. Und glaubt nicht, er sähe heute das Elend seines Volkes und das Elend der anderen Völker heute nicht mehr…  Und glaubt nicht, er säße da und drehte Däumchen! Er ist der „Ich mache den Weg frei“. Seine Methoden sind womöglich nicht die, die uns zuerst einfallen würden, seine Wege sind nicht die breiten Heerstraßen; nicht die Autobahnen, die gebaut wurden, um Militär schnell bewegen zu können. Er findet Wege, wo vorher keine waren. Durch das Wasser hindurch! Manchmal besteht die Arche der Rettung in einem schaukelnden und zerbrechlichen Binsenkörbchen…[2]  ––  Sagt nicht, Ihr glaubt nicht an Wunder…!

 

Manchmal besteht die Arche der Rettung in Kerzen und Gebeten: »Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete.« Sagt ein Stasi-General. Das ist sein Kommentar zum Ende der DDR vor 24 Jahren.[3] Zu den friedlichen Umwälzungen, die eine Epoche beendet haben. Es ist ein Geständnis, ein Eingeständnis – und ein Satz, der daran erinnern kann, dass machtvolle Gewalten, bis an die Zähne bewaffnet, durch Menschen und Gottes Geist geschlagen werden können. Ohne Abwehrschirme. Ohne Prism. Ohne Tempora. Ohne täglich 600 Millionen Telefonate mitzuhören und sich damit scheinbar selbst zum Allmächtigen zu machen…

 

»Wir waren auf alles vorbereitet. Nur nicht auf Kerzen und Gebete.« –– Am 30. September tritt Hans-Dietrich Genscher auf den Balkon der Botschaft der Bundesrepublik in Prag und beginnt zu sprechen: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..."   …weiter kommt er nicht.

 

Darf man diese Geschichte nach 24 Jahren noch erzählen? Ich glaube, man muss sie wieder und wieder erzählen. Sie gehört zu unsrer Identität. Und als Christ will ich aus ihr lernen: Gott schaut nicht tatenlos zu, wenn wir zwischen den Fronten stehen; zwischen den Stacheldrähten; zwischen den hochgerüsteten Mächten; zwischen denen, die mich bedrängen…!

 

„Ich habe das Elend meines Volkes gesehen“, hört Mose aus dem brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch. „Ich will retten!“, hört er. Und diese Botschaft verbrennt nicht. Sie wird nicht zu Asche. Sie ist heiß – bis auf den heutigen Tag. Unumstößlich. „Ich bin der ich bin.“, hört Mose. Und er macht diese Erfahrung. Für uns alle…

 

Diese Visitenkarte, die Gott dort abgibt, die findet sich an allen möglichen Ecken der Geschichte wieder. Jahrhunderte, nachdem jene Erzählungen vom frei werdenden Weg am Schilfmeer dem Volk schon einmal versichert hatten, auf wessen Seite Gott steht, ist Gottes Stimme wieder deutlich vernehmbar:

 

„Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.“
(Jes 43,2)

 

Jesaja, der Prophet überbringt diese Botschaft. Vergesst das nicht, so spricht euer Gott: Ich bin für euch, ich ebne euch die Wege, ihr sollt nicht zerdrückt werden zwischen den Fronten, die euch attackieren, dort wo euch die Luft zum Atmen fehlt, dort wo es heiß wird. Als Jesaja die Menschen an diese Zusagen erinnert, schickt er voraus:

 

Jakob…! Israel…! Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!
(Jes 43,1)

 

…und aus den Worten an  ein ganzes Volk werden Worte, die mich treffen… So transparent sind sie gesprochen, dass ich ahne: In dieser Geschichte Gottes mit seinen Menschen komme ich selbst vor! Als jemand, der seine Erfahrungen damit hat, wenn das Wasser bis zum Halse steht. Als jemand, der schwitzt und dem heiß und kalt wird, wenn Wüste und harter Fels näher rücken…   ––   All das soll dir nichts anhaben!

 

Wem traue ich das zu?

 

• Ich traue es dem zu, der mich wieder und wieder aus dem Wasser gezogen hat. Klitschnass an Leib und Seele. Zitternd vor Angst: Nach den 12 längsten Minuten meines Lebens. • Nach der Niederlage, als ich versuchte, um meine Liebe zu kämpfen.
• Nach der Einsicht, dass ich es war, der umkehren musste, weil ich auf dem Holzweg war.

 

Ich traue es dem zu, der mich in die Arche gesetzt hat: An einen Ort der Sicherheit, ins Auge des Sturms, wo Ruhe herrschte um durchzuatmen; so wie einst Mose, der durch den Sturm und das Gewitter der Mordlust des Pharaos hindurch gerettet wurde; der aus dem Wasser gezogen wurde. Sein Name zeugt davon, welche Züge Gottes Ange­sicht trägt: Er ist der, der aus dem Wasser zieht, der durch die Wasser hindurch bringt, dessen Botschaft nicht vom Feuer gefressen wird. Das ist sein Wesen. Er hat Leidenschaft für  selbstbestimmte und aufrecht gehende Menschen, die ganz zu sich stehen und nicht den unliebsamen Teil ihrer selbst aufgeben; für Menschen, die sich ganz an ihn halten. So nennt er sich:

 

Ich bin, der ich bin.  -  Und du bist mein!

 

Gott, hilf mir!
Denn das Wasser geht mir bis an die Kehle.
Ich versinke in tiefem Schlamm,
wo kein Grund ist;
ich bin in tiefe Wasser geraten,
und die Flut will mich ersäufen.       (Ps 69,2-3)

 

Worte aus dem Tempel Jerusalems. Zweieinhalbtausend Jahre alt. Aber aktuell für alle, die darauf warten zu hören:

 

Ich mache den Weg frei! „Ich bin, der ich bin.“

 

AMEN.

 


[1] Ergebnis einer Studie von 6/2004. Vgl. [23.6.2013]  http://www.slogans de/slogans.php?Op=SRanking1

[2] Das in 2.Mose 2,3 gebrauchte hebr’ische Wort Tewah für ein Körbchen, in das Mose gelegt wird, ist dasselbe wie jenes, das in 1.Mose 6,14 die Arche bezeichnet: Bei Luther ein „Kasten“ bzw. ein „Kästlein“.

[3] Au dem Fernsehfilm „Nikolaikirche“ (1995) von Frank Beyer.

 

So. 21.04.13
Konfirmationspredigt 2013
Marco Müller
Konfirmationspredigt 2013

„…wenn ich nicht die Nägelmale sehe in seinen Händen und mit meinem Finger seine Wunde berühren kann, kann ich‘s nicht glauben…“   ––   Worte des Apostels Thomas. Seine Antwort auf die Osterzählungen der anderen; auf die euphorischen Berichte von der Auferstehung: wenn ich’s nicht sehen und ihn anfassen kann, kann ich’s nicht glauben.

Das kommt mir merkwürdig vertraut vor. Nicht weil ich die Erzählung schon mal gelesen habe. Sondern weil das solch eine menschliche Reaktion ist. Ich glaube nicht, dass ich anders reagiert hätte!

Thomas wird oft als Zweifler bezeichnet. Dabei hatte der einfach einen richtig kräftigen Schlag in die Magenkuhle bekommen. Und da fällt es eben schwer, schnell mal einen Neustart hinzulegen und erneut abzuheben… Er hatte alle Hoffnung fahren lassen müssen. Nicht weil er generell schwarz sah…   –––   Der hatte Jesus ja vertraut! Der hatte so viel Hoffnung investiert. Der hatte Jesu Stimme gehört: „komm, lass alles stehen und liegen  und folge mir nach…“ Und viel­leicht hatte er das erste Mal gespürt, wie wertvoll sein Leben war und wie reich er war dort draußen auf den staubigen Straßen Israels mit Jesus und ohne viel Hab und Gut…

Aber all das war brutal zerstört worden. Die Hammer­schläge am Kreuz hatten ihm alle Hoffnung aus der Seele getrieben… wenn ich’s nicht sehen und ihn anfassen kann, kann ich’s nicht glauben…   ––   Ich kann den so gut verstehen! Thomas hatte Angst bekommen zu fliegen. Er hatte Angst bekommen zu glauben. Wie ein Vogel nach schwerer Bruchlandung steht er am Nest-Rand und zögert…

Ich war just in die achte Klasse gekommen, als ich auf einmal merkte, wie ich wieder und wieder mit meinen Blicken bei Antje kleben blieb. Sie saß schräg links von mir, so in etwa fünf Meter weiter in der Reihe ganz am Fenster, und ich hatte fürchterliche Angst, dass sie etwas merken würde. Das ist merkwürdig, weil eigentlich wollte ich ja auch, dass sie etwas merkte. Aber eben so, dass sie freundlich reagieren solle.   ––   Ich bin ein schüchterner Mensch. Das Ganze ging in etwa ein dreiviertel Jahr so. Blicke. Blickkontakte. Irgendwann dachte ich mir Gründe aus, weshalb ich mal kleine Zettel schreiben konnte. Hast du mal ‘n Radiergummi für mich. Sie hatte und lächelte. Ich war glücklich. Und so ging das weiter. Und ich wurde mutiger. Ich weiß nicht mehr wann es war, aber es kam der Tag, an dem ich sie in einem Zettel fragte, ob sie Lust auf Kino hätte. Sie schrieb zurück – freundlich, aber unendlich eindeutig: „Lass uns das mal besser nicht machen, Du…!“

Das war meine Bruchlandung. Abgestürzt. Ich hatte über ein Jahr so viel Hoffnung investiert. Wie sollte ich jemals wieder Mut haben, Zettel zu schreiben?
„… wenn ich’s nicht sehen und ihn anfassen kann, kann ich’s nicht glauben…“  ––  …wenn ich nicht vorher weiß, dass mein Wagnis über Netz und doppeltem Boden stattfindet, dann kann ich nicht losfliegen. Ich kann den Thomas so gut verstehen! Der hatte Angst bekommen zu fliegen. Der hatte Angst bekommen zu glauben. Angst bekommen erneut zu vertrauen. Angst vor Enttäuschung.

Was gibt mir den Mut – trotz allem – dem Leben zu vertrauen? Was verleiht mir Flügel? Ich glaube, darauf Antworten zu finden im Leben, das ist wichtig. In jedem Alter. Aber ganz bestimmt auch in Eurem mit 13, 14 Jahren!  Was gibt mir den Mut – trotz allem – dem Leben zu vertrauen? Denn schließlich seid Ihr gerade dabei flügge zu werden. Ihr seid sozusagen permanent dabei, auf den Nest-Rand zu klettern, um Flugversuche zu unternehmen. Und hinter Euch stehen Eure Eltern und tippeln nervös von einem Bein aufs andere, weil sie wissen: Ihr werdet hoch fliegen, werdet wunderbare Kurven am Himmel drehen und der Sonne näher kommen. Aber Ihr werdet auch Bruchlandungen machen, Enttäuschungen einstecken, Euch behaupten müssen gegen Angst und Absturz. Was verleiht mir Flügel im Leben?

RED BULL verleiht Flügel   ––   hab ich jedenfalls gehört! Und Sebastian Vettel ist ja nun auch schon zweimal hintereinander Formel1-Weltmeister geworden mit dem Team von RED BULL…! Also…!? RED BULL steht sozusagen stellvertretend für all die so wahnsinnig freundlichen Angebote, die mir begegnen: Hey, Du fragst dich, woran du dein Herz hängen kannst? Du willst wissen, wo es sicher ist? Komm zu mir, wir lernen fliegen…! Wir machen dir den Weg frei. Mit uns bist du ein König. Der Duft, der Frauen provoziert.   –  Hält entscheidend länger…!   ––   Nun ja, ein bisschen skeptisch bin ich noch…

Was gibt mir den Mut – trotz allem – dem Leben zu vertrauen?   ––   Das Volk Israel hat sich das immer wieder gefragt. Die haben so viele Bruchlandungen ertragen, so viele Schläge einstecken müssen und waren oft mit ihrem „Hebräisch“ am Ende. Aber immer wieder traten Propheten auf, die ihnen Mut machten und neue Wege zeigten. Der Prophet Jesaja:

"Habt ihr denn nicht gehört? Habt ihr nicht begriffen?
Der HERR ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit,
seine Macht reicht über die ganze Erde;
er hat sie geschaffen!
Er wird nicht müde,
seine Kraft lässt nicht nach;
seine Weisheit ist tief und unerschöpflich.
Er gibt den Müden Kraft und die Schwachen macht er stark.
Selbst junge Leute werden kraftlos,
die Stärksten erlahmen.
Aber alle, die auf den HERRN vertrauen,
bekommen immer wieder neue Kraft,
es wachsen ihnen Flügel wie dem Adler.
Sie gehen und werden nicht müde,
sie laufen und brechen nicht zusammen."

Warum sollte ich diesem Wort mehr vertrauen als dem Mann, der mit dem RED BULL Auto im Kreis fährt und verspricht, mir Flügel verleihen? Aber im Ernst: Warum sollte ich mich auf dieses Wort verlassen? Die Antwort steht in dem Bibeltext selbst:

"Habt ihr denn nicht gehört? Habt ihr nicht begriffen?
Der HERR ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit,
seine Macht reicht über die ganze Erde;
er hat sie geschaffen!"

Dieses Versprechen kommt von dem, der dich gemacht hat. Von dem, der wollte, dass du lebst, lange bevor deine Eltern sich ausgemalt haben, wer du wohl bist. Er lässt die, die  ängstlich dastehen und sich fragen: Wie sollte ich jemals wieder Mut haben? Wie sollte ich es jemals wagen, von diesem Nest-Rand zu springen? Wie sollte ich jemals wieder vertrauen können?   ––   Er lässt dich wissen:

"…alle, die auf den HERRN vertrauen,
bekommen immer wieder neue Kraft,
es wachsen ihnen Flügel wie dem Adler.
Sie gehen und werden nicht müde,
sie laufen und brechen nicht zusammen."

Er sagt nicht: Ich erspare dir alle Bruchlandungen in deinem Leben. Eure Eltern haben vermutlich recht: Ihr werdet Bruchlandungen machen. Und trotzdem müssen sie euch ziehen lassen. Jedes Jahr ein Stück mehr. Aber auch sie können Euch nicht alle Wege frei machen. Du wirst an Grenzen stoßen – und: Du wirst auch danach wieder lernen zu fliegen!

Thomas konnte das nicht glauben. Wenn ich’s nicht sehen kann, dass es Leben nach dem Tod gibt, wenn ich nicht begreifen kann, was sich für mich so luftig anhört, dann kann ich’s nicht glauben, sagt er. Da stellt sich Jesus ihm in den Weg und sagt: „Komm her!“   ––   Und bevor Thomas ihn auch nur untersucht und die Wunden berührt, stammelt er einen Satz und geht wohl vor Jesus auf die Knie: „Mein Herr und mein Gott.“

Ich wünsche Dir, ich wünsche Ihnen, ich wünsche mir…, dass sich Gott uns immer wieder in den Weg stellt und sagt: „Komm her!“ Dass er meine Sehnsucht nach wachem, kraftvollem Leben anspricht. Dass sein Wort Sehnsucht in mir weckt nach Himmel und nach Freiheit.

So wie Thomas anfangs nicht glauben konnte, so fällt auch mir das Glauben manchmal schwer, weil ich schlicht nicht wage, meiner Sehnsucht nach Leben Raum zu geben – ich bin vermutlich nicht der Einzige.

Ich habe mir für solche Fälle eine Konfirmation gebastelt. Konfirmation heißt ja „Bestärkung“, „Bekräftigung“. Und meine Konfirmation hilft mir, gestärkt zu werden… sie erinnert mich… Scheut mal: Dies ist die Feder eines großen Vogels, der die Freiheit liebt und mutig ist. Die Feder eines Steinadlers. Ich habe sie geschenkt bekommen und ich habe sie in eine Karte gesteckt, auf der steht dieses Bibelwort…

„Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft,
dass sie auffahren mit Flügeln
 wie Adler,
dass sie laufen und nicht matt werden,
dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Wenn ich das lese, dann wächst in mir der Mut, einen Schritt zu tun und die Flügel auszuspannen und die Erfahrung zu machen: Gottes Wort trägt dich…!

Ich wollte eigentlich Euch allen so eine Adlerfeder und so eine Erinnerungskarte schenken. Aber dann habe ich herausgefunden: Adlerfedern sind richtig teuer und fallen unter das Artenschutzabkommen. Wir hätten 4.000 Euro ausgeben müssen für unsere Konfis… Deshalb habe ich an den Wildpark Lüneburger Heide geschrieben und gefragt, ob die nicht eine Idee haben. Sie hatten…

Dies ist die Feder eines großen Vogels, der die Freiheit liebt und mutig ist. Eine Falkenfeder. Und Menschen aus unserem Kirchenvorstand haben für Euch alle richtige „Konfirmationskarten“ gebastelt…

Möge sich Gott Euch in den Weg stellen, wenn Ihr Angst habt, Eurer Sehnsucht nach Leben zu vertrauen. Möge sein Wort Eure Ohren öffnen und sagen „Komm her!“

„Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft,
dass sie auffahren mit Flügeln
 wie Adler,
dass sie laufen und nicht matt werden,
dass sie wandeln und nicht müde werden.“

AMEN.