Ein Ort, der Geschichte atmet...

Die Brockeler Heilig-Kreuz-Kirche schaut auf eine bewegte Geschichte zurück. Die ältesten Spuren unserer Kirche reichen bis ins 12. Jahrhundert zurück. Bereits im Jahr 1190 wird in Brockel eine Kirche als Eigenkirche des Klosters Rastede im Oldenburgischen urkundlich erwähnt ( E. Heyken, Die Kirchen im Altkreis Rotenburg (Wümme), in: Rotenburger Schriften 59, 1983, S. 7-43, S.38). Wie kamen die Verbindungen nach Rastede zustande? Dafür gibt es eine nette Geschichte...

Eintauchen in die Geschichte...

Graf Huno von Oldenburg wurde vom Kaiser (Heinrich IV) aufgefordert beim Reichtag zu erscheinen. Nun war Graf Huno „durch Gebet und andere gute Werke verhindert und konnte unmöglich an dieser Reichsversammlung teilnehmen" (Historia Monasterii Rastedensis, zit. n. H. Schmidt, Zur Frühgeschichte des Benediktinerklosters Rastede, Jahrbuch der Gesellschaft für Niedersächsische Kirchengeschichte 90, 1992, S 10). Daraufhin ließ der Kaiser Huno und dessen Sohn Friedrich mit härteren Bandagen vorladen. Vor dem Kaiser solle der Sohn mit einem Kämpen des Kaisers „einen Zweikampf nach friesischer Art" (Unvollendete Wege. 925 Jahre St.-Ulrichs-Kirche. Eine Rasteder Festschrift, hrg. v. Gemeindekirchenrat der Ev.-luth. Kirchengemeinde Rastede, Denkmalsplatz 5, Rastede, S.25) austragen. Des Kaisers Kämpe erwies sich schließlich als ein ausgehungerter Löwe. Für den Fall des Sieges gelobten Graf Huno und Friedrich in Rastede ein Kloster zur Ehre der Heiligen Jungfrau zu errichten. Friedrich konnte das Tier mit Hilfe einer Strohpuppe täuschen und so niederstrecken. Der Kaiser rehabilitierte Graf Huno und Friedrich. 1059 wurde die Erlaubnis zum Klosterbau in Rastede beim Hamburger Erzbischof eingeholt. Um die wirtschaftliche Existenz des Klosters zu gewährleisten, stattete Huno das Kloster mit diversen Ländereien aus seinem Besitz aus. Unter diesen Ländereien waren auch Besitztümer an der Wümme. Es ist davon auszugehen, dass auch Brockel dazugehörte (H. Schmidt, a.a.O., S. 15). Bereits 1124 wird Brockel in einer Urkunde von Papst Celestinus II als zum Besitz des Klosters Rastede gehörig aufgezählt. 1190 wird eine Kirche von Papst Clemens III urkundlich erwähnt (E. Heyken, Kirchen, S. 38). Zwischen diesen beiden Daten muss die erste Brockeier Kirche gebaut worden sein.

1437 erfolgte ein Neubau. Als sogenannte „Eigenkirche" spielte die Kirche in Brockel immer eine gewisse Sonderrolle. Während  Bothel, Hemslingen und Söhlingen kirchlich zum Archidiakonat Scheeßel gehörten, war Brockel mit Kirchwalsede und Visselhövede kirchenaufsichtlich direkt dem Domprobst in Verden unterstellt (E. Heyken Rotenburg, Kirche, Burg und Bürger, Rotenburger Schriften, Sonderheft 7, S. 91) Als Eberhard von Holle erster evangelischer Bischof in Verden wurde, gab es durch die neue Verkündigung einen erhöhten Bedarf an Zurüstung und Leitungsverantwortung. Deshalb stellte er dem Generalsuperintendenten in Verden örtliche Spezialsuperintendenten zur Seite. Der Brockeier Pastor Ulrich Grelle, erster evangelischer Pastor in Brockel, hatte dieses Amt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts inne und trug so dazu bei, dass die Reformation in unserer Gegend ankommen konnte (E. Heyken, Rotenburg,93f). Die Reformation in Nordeutschland trug ohnehin die die Züge einer Reformation von oben und fand zeitlich deutlich später als in Mittel- und Süddeutschland statt. Das lag daran, dass man im niederdeutschen Sprachbereich die hochdeutschen Flugschriften der Reformation nicht verstand. In dieser Zeit, im Jahr 1573, entstand auch das Kirchspiel Brockel in seiner heutigen Größe. Nach der Säkularisierung im Gefolge der Reformation wurden die Grafen von Oldenburg Rechtsnachfolger des Klosters Rastede und waren bis zum Ende des ersten Weltkrieges 1918 auch Patrone der Kirchengemeinde Brockel.

Nachdem die frühere Kirche gegen Ende des 18. Jahrhunderts baufällig wurde, musste die Gemeinde sich zu einem Neubau entschließen. Schon beinahe vier Jahre vorher musste der Turm, der nr 30 Jahre gestanden hatte, abgetragen werden. So entstand 1804 das jetzige Gotteshaus. Entworfen wurde die Kirche von Moorkommissar Dietrich Kohlmann aus Bremervörde, dem Nachfolger des berühmten Christian Findorff (1720-1792), der als hannoverscher Moorkommissar die Besiedelung im Elbe-Weser-Dreieck entscheidend voran gebracht hat.

Enno Heyken schreibt über unsere Kirche folgendes:
„Als eine freie Grünfläche, mit hohen Eichen bestanden, liegt der alte Kirchplatz am Nordrande des Dorfes an einer Straßenkreuzung (B 71). Eine Inschrift über dem Turmeingang besagt, daß Turm und Kirche 1804 erbaut sind, kurz vor dem deutsch-französischen Kriege. Der Baumeister war der für die Moorkultivierung eingesetzte kurhannoversche Kommissar Diedrich Kohlmann aus Bremervörde. Die Brockeier Kirche ist hier trotz der späten Bauzeit mit in der Gruppe der Kirchen von Sottrum und Scheeßel aufgeführt, da sie mit diesen das Feldsteinmauerwerk und den saalartigen, rechteckigen Innenraum gemein hat und einen Kanzelaltar, der dem in Scheeßel am ähnlichsten, wenn auch bedeutend einfacher als dieser ist. Doch war 1804 die Zeit des
Barock und des Rokoko längst vorüber. In zwei Eigenheiten ist Kohlmann abgewichen von den Regeln des Kirchenbaus und eigene Wege gegangen, indem er den Turm nicht im Westen, sondern auf der Ostseite der Kirche errichtet und sogar in ihn den Eingang verlegt hat. Dadurch war ferner bedingt, dass der Altar nicht wie üblich im Osten stehen konnte. Vielmehr unternahm Kohlmann den für eine protestantische Kirche neuartigen Versuch, den Kanzelaltar vor der Mitte der südlichen Längswand aufzustellen. Dadurch ist der ganze Innenraum anders ausgerichtet.
Die Kirche wurde aus Findlingen errichtet. Der Turm hat einen quadratischen Grundriss (6,40 Meter). An ihn schließt sich nach Westen der hohe, rechteckige Kirchenbau an (gut 21 Meter mal gut 11 Meter), der später auf der Südseite vor dem mittleren Fenster durch einen Anbau für die Sakristei erweitert worden ist. Alles wirkt sehr nüchtern und streng.
Beherrschend wirkt auf der Südseite vor einer geraden, weißen Holz wand der Kanzelaltar. Im Gegensatz zu dem reichen Schnitzwerk des Barockaufbaus in Scheeßel wirkt hier in Brockel nur die Form. Die Altarschranken sind geradlinig, der eine Pfosten ist als Ständer für die Taufschale ausgearbeitet. Die Kanzel besticht lediglich durch die wohlgeformten Ausladungen ihrer gut proportionierten Brüstung. Der Schalldeckel trägt keinen Aufbau. An jeder Seite steht eine flache Pfeilervorlage mit geschnitztem Kapitell als Rahmen, der die Zusammengehörigkeit von Altar und Kanzel für die Verkündigung betont. Auch ist rechts und links in der Rückwand eine Öffnung für den Umgang beim Abendmahl vorhanden.
An den beiden Schmalseiten und an der Nordseite des Raumes führt eine durchgehende Empore ringsum mit zwei symmetrisch angelegten Treppen an der Turm- und an der Westwand.
Der Kanzel gegenüber steht in der Mitte der Nordempore die Orgel. Die schlanken, hohen Holzstützen mit schlichtem Kapitell gliedern zugleich den unteren Raum. Bei der günstigen Raumhöhe werden die unteren Sitze durch die Empore nicht beeinträchtigt. Auf den beiden Seiten und in der Mitte sind die Bänke zum Altar ausgerichtet. Die Starrheit der festen Sitze ist dadurch aufgelockert, dass die Eckquadrate mit schräg gestellten Stuhlreihen besetzt sind. Fünf symmetrisch angeordnete Fenster mit Bleiverglasung an der Nordseite, die unter die Empore noch tief hinabreichen, und die gleichen vier Südfenster füllen den Raum mit Licht. Erwähnenswert ist noch, dass auf dem Altar eine Dieckmann-Bibel vorhanden ist.

(Rotenburger Schriften, Heft 59, 1983: Enno Heyken, Die Kirchen im Altkreis Rotenburg (Wümme) S. 36-38)

Die jetzige neue Ausmalung entspricht den Originalfarben aus dem Jahr 1804. Und so zeigt sich unsere Kirche in ihren hellen Farben und ihrem vergleichsweise   eigentümlichen,   an   ein   Auditorium   erinnernden Innenraum, als ein heiteres Kind der Aufklärung. Aufklärung - im Sinne Immanuel Kants - als „Auszug des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit" verstanden, ist ein schönes Motto für das Wirken einer Kirchengemeinde: Menschen helfen, sich und die Welt zu erkennen, sprachfähig zu werden, Wege   nach   vorn   zu   entdecken   -   wunderbare   Leitsätze   einer Kirchengemeinde. Gebäude, Namen, Geschichten aus fast einem Jahrtausend, alle auf ihre Weise  Zeugen, dass Menschen vom Evangelium angetrieben wurden, sich haben bewegen lassen.

BILDER (4)
Historische Ansicht von der Bundesstraße aus